Kultur

Die Wutz rockte wieder

Titel
22 bis 26 Grad Außentemperatur, Sonnenschein und nur ein paar Wolken zum Abkühlen:  Zum dritten Mal hintereinander bewiesen die Veranstalter ein glückliches Händchen und legten das Umsonst-und-draußen-Festival auf ein sonniges Wochenende. Mit gleich zwei Bands aus Argentinien (nee, nicht wegen der WM; das Festivalgelände war erfrischend nationaltrikotarm!), Knallern aus Frankreich und der richtigen Prise Lokalkolorit versprach das Line-Up viel – und es ging gleich mächtig los. Drei Tage lang wurde die Sau am Eichbaumsee rausgelassen. Hier nur eine Auswahl von vielen Eindrücken.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          (Nur an Fotos interessiert? Bitte  hier klicken!)

Von Kerstin Völling

Wutzrock – wer es immer noch nicht kennen sollte-  ist das ältesteste Gratis-Open-Air Deutschlands. Es findet seit 1979 jedes Jahr in Hamburg-Bergedorf am Eichbaumsee statt. Die Organisatoren wenden sich damit auch gegen jegliche politische Rechtsaußen-Strömung. 2014 drücken sie unter dem Motto “Kein Mensch ist illegal” ihre besondere Solidarität mit den in Hamburg lebenden Lampedusa-Flüchtlingen aus. Die diesjährige Wutz (Miss Piggy auf Punk?) zeigt es uns: Die Wutz Zelten, Live-Bands, Kinderbespaßung, Poetry-Slam und eine Menge Infos über Initiativen gibt es unentgeltlich. Wutzrock finanziert sich über den Getränkeverkauf. 2013 gingen stolze 134 Hektoliter Flüssigbrot über die Theken. Die sorgen dafür, dass die Rechnungen auch in diesem Jahr wieder bezahlt werden können. Und deshalb ist es mega-uncool, wenn man gleich mit einem ganzen Laster voll Bier auf das Gelände brummt und ihn als “Eigenbedarf” deklariert! Zum Erfreulichen: Aller Anfang ist auch bei Wutzrock schwer. Ganz klasse bewährten sich aber Loifior und The Nostrils als Einheizer. Loifior nennen das, was sie machen “Post-Pop”.

Hymnisch und schaurig-schön wird’s, wenn Sänger Raphael Kufner vom “Schleier” singt, der über der Stadt hängt, “die ich so satt hab”. “Die Mauern kommen näher…so erdrückend näher…”

Saenger top

huaauuuuuh, da kann man schon Gänsehaut bekommen! Unbedingt mal reinhören in das neue Album “Seelenbauten”. Die Jungs kommen übrigens aus Lüneburg – und haben bereits einen Auftritt unter anderem in Manchester (England, England…) hinter sich.

Drummer

Ob das wohl Brüder sind?

Lead2

Fehlt noch der Bassmann:

Bass2

Dafür fand sich ein ansehnliches Publikum vor der Elb-Bühne (man achte auf die Farbe des Himmels!): Wetterchen Obwohl die Stimmung vor der kleineren See-Bühne auch nicht zu verachten war. Denn während die Mädels von “The Nostrils” mächtig abrockten… waehrend die Maedels rockten rock it …gerieten die Jungens völlig aus dem Häuschen: Fans Und weiter ging der Pogo: Pogo2 Weißte Bescheid! Weisste Bescheid Ganz genau! Hammer Wie aus dem Nichts tauchte dann ein alter Bekannter auf. Erkennt ihr ihn? Hotte Jawohl, das ist Horst Milbrodt. Der wollte sich 2013 gar nicht zwischen Wacken und Wutzrock entscheiden und besuchte beide Festivals. Hier herzt er die 2013er Wutz: wutzrock2 Ein Kuscheln mit Folgen: Milbrodt hatte es im vergangenen Jahr so sehr am Eichbaumsee gefallen, dass er in diesem Jahr als einer der rund 300 freiwilligen Helfer zur Verfügung stand. Vorbildlich! In den vergangenen Tagen gab es Idyllisches… Idylle Familiäres…

Wutzrock1

…und auch Skurriles: So hat sich Thomas Küster zusammen mit ein paar Kumpels ein Floß samt aufmontierten 70er Jahre Sessel und Musik-Boxen selbst gebaut und ist damit aus Hamburg- Harburg bis zum Eichbaumsee geschippert. Auf seiner vierstündigen Tour durchquerte er die Süderelbe, den Reiherstieg, die Norderelbe und die Dove Elbe! Floß2 Tag zwei bot ein volles Camp und erstmals die Gelegenheit, sich auf Drogen testen zu lassen. Das “Partyprojekt Odyssee” war dort zu finden, wo die Sonne leuchtete: Wutzrock IV Und das Angebot wurde auch angenommen: Die Teststreifen, die zum Selbstkostenpreis von zwei Euro bei Tim Bennewitz und Heike Becker (Foto unten) erworben werden konnten, fanden reißenden Absatz. Die Ergebnisse wurden erfragt, bleiben aber geheim! “Wir wollen hier keinen zum Drogenkonsum auffordern oder mit dem Zeigefinger aufklären”, erklärte Becker. Bei “Odyssee” handele es sich um ein Hilfsangebot. Auf Festivals kursierten nun einmal Drogen. Und den Drogenkonsum gebe es gewollt – aber auch ungewollt. Becker:  “Wenn jemand Hilfe braucht, weil er unterzuckert ist oder Vitamine fehlen, können wir sofort helfen.” Der Gebrauch von Ecstasy habe zudem oft eine Kieferstarre zur Folge. “Dagegen hilft Kaugummikauen.” Diese und andere Gummis erhielt man ebenfalls an der Odyssee-Theke. Außerdem viele Infos darüber, was passiert, wenn man unter Drogeneinfluss Auto fährt. “Wird man erwischt, ist der Führerschein weg”, so Becker. Und dann werde es langwierig und teuer. “Man muss erst nachweisen, dass man ein Jahr lang clean gewesen ist, bevor man den Fahrtest noch einmal machen darf.” Drogentest Auch für die Kleinsten gab es wieder viel Angebot. Neben der Rutsche und dem Kinderschminken rollte diesmal auch ein Riesen-Erdball über den Platz. Am Sonntagmorgen sollte zudem Radau! für Kids-Rock sorgen.Achtung Erdball Die Crew hatte wieder alle Hände voll zu tun, um ihre Besucher zufriedenzustellen. Eine kurze Pause für ein Gruppenfoto hatten (v.l.) Geli, Anna, Hans und Sonja…. Teamfoto …bevor es dann auch gleich wieder an die Arbeit ging. Team bei der Arbeit Apropos Crew: Wer weiß eigentlich, dass Florian Heinrich der Booker von Wutzrock ist? Er ist genau genommen nicht nur der Booker von Wutzrock, sondern auch Drummer, in dieser Eigenschaft bekannt aus der Band Leilanautik. Hier sitzt er am Schlagzeug von Coca Candy. Ihm habt ihr die tollen Line-Ups zu verdanken:

Booker

Coca Candy spielten den Latin-Stil Cumbia. Sie brachten damit viel Süd-Feeling auf die Bühne…

Coca Candy

Coca Candy2

…und begeisterten damit ihre Fans vor der (Elb-) Bühne.

Coca Candy Fans

Stimung ja

Stimmung

Da mochte man gern ins Publikum träumen:

Wutzrock auf den Augen

Coca Candy waren total stolz auf der gleichen Bühne zu stehen wie Bersuit Vergarabat. Die Band ist sehr beliebt in Argentinien und unterstützte die Arbeiter während der Argentinien-Krise musikalisch beim Kampf um die Übernahme und Selbstverwaltung stillgelegter Fabriken. Sie rockte das Festivalgelände komplett und lud eine Menge Mädels ein, auf die Bühne zu kommen und zu tanzen.

DSCN8381

Was soll man noch schreiben? Die lateinamerikanischen compañeros machten derart Stimmung, dass eine äußerst mittelmäßige Kamera kaum hinterherkam:

Fans

Latinos

Wem da nicht leicht ums Herz wurde, dem war nicht mehr zu helfen. Stimmung auf und vor der Bühne, dazu noch Meister ihres Könnens an den Instrumenten:

Band ja

Band

Abschlussband2

Abschlussband

Wie sich aus den Fotos erahnen lässt, war für viele Wutzrocker Bersuit Vergarabat  DER Höhepunkt des diesjährigen Festivals am Eichbaumsee. Fairerweise sollten ZSK, Flo Bauer und Les Yeux D’la Tête als weitere Perlen des Line-Ups erwähnt werden. Kurze Reviews zu allen gibt es auf der Wutzrock-Facebook-Seite, die für eine Nachbereitung generell zu empfehlen ist!

Wir wollen unserer Linie treu bleiben und über das berichten, was die Kameras weniger einfingen. Da wären zunächst CHÄIRWALK, die ihrem Ruf, Hamburgs Underground-Dinos zu sein, alle Ehre machten. Kompromisslos und laut wie eh und je, bestachen sie auch optisch in Gold-Anzügen:

Spacig gold

Spacig gold muss

Spacig gold3

Und während man noch verzückt in den Gold-Glitter träumte, kam plötzlich ein Kopf um die Ecke:

Besoffski

Der gehörte (und gehört hoffentlich immer noch) Nico Wulff, der sich mit Kumpel Kamil Szhundlavek bestens vor der Elb-Bühne amüsierte:

Besoffski und Freund

Vor der kleineren See-Bühne hingegen hatte Jana ihren Spaß. Sie wurde von Basti (links) und Tobi (rechts) “eingewutzt”.

eingewutzt

Da wir gerade an der See-Bühne sind: Dort traten auch Bingo Ingo und die Bingo Band auf. Und der Name war natürlich Programm: “Are you ready to Bingo?”  Na, klar! Sensationell, wer plötzlich alles Gefallen an der Kurgast-Bespaßung fand! So zelebrierte Wutzrock seine Bingo-Spiel-Premiere:

Bingo Spaß

Erste Wutzrock-Bingo-Queen wurde Stefanie Jehle aus Hamburg, die hier ihre Preise (Strandmatte und Wäscheklammer-Set) entgegennimmt:

Bingo Siegerin

Das offizielle Siegerfoto ist leider total verwackelt. An dieser Stelle deshalb ein dringender Aufruf: Wer den Umgang mit einer COOLPIX P500 für Laien gut verständlich erklären kann, gewinnt einen Gutschein (Abendessen nach Wahl für zwei Personen!!). Ganz ohne Bingo, nur über Mail melden!

Bingo Ingo konnte natürlich auch anders. Nicht vergessen: “Home is where your heart is!”

Bingo2

Das galt natürlich auch für den Rest der Band:

Bingo gut

Bliebe noch zu erwähnen, dass wir auch gern am Sonntag dabei gewesen wären, aber sorry – jeder braucht mal Urlaub. Sicherlich kann man das ein oder andere an Wutzrock kritisch sehen, behaupten, früher sei mit den Alt-Hippies alles besser gewesen. Wir schauen lieber abschließend auf das Gute. Und das ist der immer wieder durchschimmernde Wutzrock-Geist:

Festgefahren? Kein Problem. Alle packen mit an!

Festgefahren

In diesem Sinne: See you in 2015!

 

 

 

 

Camus und die Politik

Am 7. November 2013 wäre Albert Camus 100 Jahre alt geworden. Sein Einfluss auf die Philosophie und die Literatur der Nachkriegsjahre ist unumstritten. Weniger bekannt ist, dass Camus auch ein sehr politischer Mensch war. Das im Laika-Verlag erschienene Buch „Libertäre Schriften“ dokumentiert die Grundsätze und das Engagement des Schriftstellers.

camus

 

 Von Kerstin Völling

“Seine Größe zeigt man nicht, indem man sich zu einem Extrem bekennt, sondern in dem man beide in sich vereinigt.”

Nein,  Albert Camus ließ sich nicht erzählen, dass individuelle Freiheit und Sozialismus inkompatible Widersprüche seien. Oft musste er sich dafür rechtfertigen, gar als “begriffsstutzig” titulieren lassen.  Doch Camus weigerte sich bis zu seinem Tod am 4. Januar 1960, an Dogmen zu glauben. Gleichgültig, aus welcher politischen Richtung sie auch immer kamen.  Die “Libertären Schriften” (OriginaL. “Camus et les libertaires (1948-1960)”) von Lou Marin zeichnen das anhand  politischer Aufsätze Camus’  und im Kontext seines Schaffens nach.
Camus ging es um den Menschen in einer absurden Welt. Sein Tenor: Wenn das Leben schon objektiv sinnlos ist, dann muss man es sich nicht auch noch gegenseitig schwer machen. Im Gegenteil. Man sollte zusehen, dass man es sich gegenseitig so angenehm wie möglich gestaltet. Das hieß aber nicht, Tyrannen oder Gewaltherrschern nachzugeben. Der Existentialist engagierte sich im Widerstand gegen die deutsche Besatzung. Andererseits warnte er die Franzosen aber schon bei Kriegsende davor, ihren Rachegelüsten nachzugeben. Dass Gewalt – wie der der Nazis – manchmal eben nur mit Gewalt zu bekämpfen ist, leugnete er nicht. Für Camus lag das Verbrechen jedoch im Gewaltexzess und darin, die Lust an der Gewalt auszuleben.

“Es ist bemerkenswert, dass niedrige Seelen immer dazu neigen, Missbrauch zu treiben mit den Bruchstücken der Macht, die der Zufall oder die Dummheit ihnen in die Hände gespielt hat.”

Camus war einer der wenigen gebürtigen Algerier, die die Unabhängigkeitsbestrebungen seiner Heimat  kritisch sahen. Er stand aber keineswegs auf seiten des französischen Militärs, das sich zahlreicher Menschenrechtsverletzungen  schuldig machte. Er sah nur, dass in Algerien Minderheiten lebten, darunter auch Juden, die drohten, in einem Bürgerkrieg unterzugehen. Denn die Widerstandsorganisationen waren heillos zerstritten.

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Mai 1958: Demonstranten stürmen das Rundfunkgebäude in Oran. Rechte: rororo

 

Camus reiste in sein Heimatland, um zu vermitteln: Vergeblich. Noch heute wird er in Algerien weitgehend ignoriert.
Wie nah er manchen Anarchisten stand, dokumentieren die “Libertären Schriften” ebenfalls. Die abgedruckten Aufsätze wurden weitgehend in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, die dem anarchistischen Spektrum zugeordnet sind.  In diesen Aufsätzen spricht sich Camus gegen die Todesstrafe aus, für Kriegsdienstverweigerung, die bis 1963 in Frankreich unter Strafe stand, und gegen das Franco-Regime. Er stellt sich auf die Seite der ostdeutschen Arbeiter am 17. Juni 1953 und bezieht auch Position für die Aufständischen in Ungarn 1956. Die Volksgemeinschaft geht ihm nie vor der Respektierung individueller Freiheitsrechte. Grundsätzlich stellt er beide gleich. Schon früh bricht er  deshalb mit der kommunistischen Partei.
Zum endgültigen Bruch mit Jean-Paul Sartre kam es nach “Mensch in der Revolte“. Hauptstreitpunkt war die revolutionäre Gewalt, die für Camus begrenzt gehörte. Camus wurde aber auch von syndikalistischen Anarchisten wie Gaston Leval vorgeworfen, Grundsätzliches gar nicht zu verstehen. Ein Großteil der “Libertären Schriften” dokumentiert diese Auseinandersetzung.

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Ein absurder Tod beendet ein absurdes Leben: Die Reste des Autos, in dem Camus starb. Er hatte sich überreden lassen mitzufahren. Polizisten, die Camus‘ Leiche fanden,  entdeckten in seiner Manteltasche eine ungelöste Zugfahrkarte. Rechte:rororo

 

Die “Libertären Schriften” enden mit “Die letzte Nachricht von Albert Camus”, ein Interview, das er der Zeitung “Reconstruir” gab und im Januar 1960 in Buenos Aires veröffentlicht wurde.

Daraus stammen Sätze wie dieser:
“Es gibt kein rein kapitalistisches Regime und auch kein rein kommunistisches Regime mehr. Es gibt Mächte, die koexistieren, weil sie sich gegenseitig Angst machen.”

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