Das andere 9/11

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 Am 11. September 1973 putschte das chilenische Militär. Der bis dahin amtierende Staatspräsident Salvador Allende beging Selbstmord. So endete ein bis heute einmaliges politisches Experiment: Die friedliche Transformation einer bürgerlichen Demokratie zum Sozialismus. Auch im 21. Jahrhundert gibt es wieder Diskussionen über einen „Dritten Weg“, über Möglichkeiten, den „Raubtierkapitalismus“ zu begrenzen. Was passiert, wenn man das tatsächlich versucht, zeigt die Regierungszeit Allendes.

 
Von Kerstin Völling

 

1970 blickt Chile auf eine sehr eigen geprägte Historie zurück. Eine Geschichte zwischen Fort- und Rückschritt: Lange bevor Otto von Bismarck deutscher Reichskanzler wird, legt das Land mit dem Bürgerlichen Recht eines Andrés Bello den Grundstein für die spätere Sozialgesetzgebung. Früher als in Deutschland wird auch das Allgemeine Wahlrecht – zumindest für Männer – sowie die Schulpflicht eingeführt. Bereits 1938 und 1946 sind kommunistische Minister an der Regierung, arrangieren sich allerdings schnell mit der Hegemonialmacht USA. Chile überlebt blutrünstige Bürgerkriege. Dennoch bewahrt es sich, wie Régis Debray schreibt, ein „relativ harmonisches und erschütterungsfreies Wachstum von einer kolonialen merkantilistischen und vor allem Landwirtschaftsprodukte (Getreide, Häute) exportierenden Wirtschaft zu einer vorherrschenden Rohstoffwirtschaft.“ Das Land komme lange Zeit ohne Militärdiktatur aus, unterwerfe sich stattdessen „gefräßigen Oligarchien“.

Die wertvollsten Bodenschätze – Salpeter, Eisen und vor allem Kupfer – stehen bis zur Regierungsübernahme Allendes unter Kontrolle ausländischer Monopole. Seit Mitte der 1960er Jahre machen die Schuldenzahlung mehr als die neuen Anleihen aus. Chile muss riesige Summen für Material, Lizenzen und Patente entrichten und bei den Nordamerikanern Darlehen unter wucherischen Bedingungen aufnehmen mit der zusätzlichen Verpflichtung, die gekauften Produkte auf US-amerikanischen Schiffen zu transportieren. In der Industrie beherrschen weniger als drei Prozent der Unternehmen mehr als die Hälfte aller industriellen Mittel (Kapital, Umsatz, Gewinne). Die Mehrheit dieser Unternehmen und der der übrigen Sektoren wird von nicht mehr als fünfzig Industrie-, Handels- und Finanzgruppen beherrscht. Die Inflationsrate in Chile liegt vor Allendes Regierungsübernahme bei etwa 35 Prozent.
Einerseits verfügen Großgrundbesitzer über riesige Latifundien, die sie sich durch illegale Enteignungen der Ureinwohner einverleibten, andererseits stehen zahlreiche Bauern ohne Land da. Die Hälfte der Bauernschaft besteht aus Gelegenheitsarbeitern. Eine halbe Million Familien sind obdachlos. Es gibt Unterernährung in Chile, vor allem in ländlichen Gebieten. Eine gute medizinische Versorgung ist entweder teuer oder gar nicht vorhanden, ein Drittel der chilenischen Familien hat keinen oder nur einen sehr eingeschränkten Zugang zur Schulbildung. Es gibt viele Analphabeten. Debray beschreibt außerdem „das Anwachsen von Arbeitskraft ohne Arbeit und ohne Qualifikation“, die „fortschreitende Entnationalisierung der Wirtschaft und des Staates selbst“, die „fortgesetzte Inflation“, die „Arbeitslosigkeit, das grundsätzliche Wohnungsproblem.“
Dass die Schere zwischen Arm und Reich und die wirtschaftliche Abhängigkeit vom ausländischen Kapital im 20. Jahrhundert immer noch so groß sind, wirkt nicht nur auf die partei-organisierte Linke im Land. Während der 60er Jahre bilden neben den Gewerkschaften auch die Mütterzentren, Nachbarschaftsversammlungen, Sportclubs und die Schulhöfe einen politischen Kern. Dort diskutiert und hört man die marxistischen Theorien in zusammengefasster Form etwa von Marta Harnecker. Die bürgerlichen Regierungen – einschließlich der Regierung unter Allendes Vorgänger, dem Christdemokraten Eduardo Frei – leisten Widerstand gegen nordamerikanische Landkaufangebote. Tatsächlich ist es auch die Regierung Frei, die mit den Enteignungen der größten Haciendas beginnt. Schließlich propagieren sogar Christdemokraten im Wahlkampf die Verstaatlichung des Kupfers, eine Landwirtschaftsreform, die Verstaatlichung der Nationalbank und eine neue Verfassung. Darüber hinaus will eine breite Schicht von Priestern, Pastoren, Ordensschwestern und Laien an der Umgestaltung der Gesellschaft mitarbeiten. Sogar weite Teile der Mittelschicht wenden sich gegen Monopolisten.
In diesem politischen Klima wagt Salvador Allende, der bei den Präsidentschaftswahlen am 4. September 1970 rund 36 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen kann, eine Tolerierung durch die Christdemokraten, um Chile in einen sozialistischen Staat umzuwandeln.
Debray warnt vor der Opposition. Ihm missfällt insbesondere die „Kunst der Phagozytose (was man  „Destruktion durch Assimilation des Fremdkörpers“ nennen könnte)“ , also die Assimilierung von Forderungen des politischen Gegners, um die Inhalte dieser Forderungen anzugleichen oder im Sinne der eigenen Philosophie zu verkaufen.
In Chile, so Debray, sagen die Christdemokraten „nicht prinzipiell ‘nein’ zu den Plänen, die amerikanischen Kupfergesellschaften zu verstaatlichen oder auf lokaler Ebene Volksgerichtshöfe zu bilden.“ „Die Bourgeoisie“, schildert er, „ eine der am wenigsten beschränkte der Welt, verteidigt sich, indem sie ihrem Rivalen die Tore öffnet, statt sie ihm zu verschießen. Sie zieht es vor, die Existenz ihres Gegners hinzunehmen, um seine Bewegungen besser kontrollieren zu können, um ihn auf ihr Terrain zu ziehen, statt ihn in seine letzten Verteidigungsstellungen zu treiben.” Der Ausgang des Zusammenstoßes werde von der Anwendung einer Regel oder einer entsprechenden Bestimmung abhängig gemacht, der Zusammenstoß selbst wird schließlich in eine juristische Diskussion oder in ein Hintertreppengeschäft anlässlich eines Gesetzestextes verwandelt.“

Daraus resultierten „Almosen wie Arbeitsgesetz, Achtstundentag, Arbeitsverträge und Arbeitsunfälle und Gewerkschaftsgesetz.“
Debray konstatiert: „Die herrschende chilenische Klasse hat sich von der Periode ihres Entstehens an als ‚nationale Klasse’ konstituieren können, die in der Lage war, ihre partikularen Interessen selbst in den Augen der unteren Klassen als Interessen der ganzen Nation erscheinen zu lassen. “
Und er geht noch weiter: „Die Bourgeoisie hat zum Beispiel Gesetze diktiert, die unter dem Vorwand, dass das nur Vergehen seien, diejenigen, die sich Ländereien aneigneten, sehr leicht bestraft (Anm.: Debray bezieht sich hier auf Latifundienbesitzer, die sich das Land der Ureinwohner illegal aneigneten) ; dagegen wurden diejenigen, die sich ihr Land zurückholten, mit der ganzen Strenge des Gesetzes bestraft.“
Salvador Allende ist nicht naiv. Er weiß um diese Taktiken und er weiß auch, dass die Opposition einen grundlegenden politischen Umbruch im Grunde gar nicht will. „Die Leute, die von der Bodenreform oder der Nationalisierung der Banken betroffen werden, werden ihre Privilegien um jeden Preis verteidigen“, sagt er und: „Die Bourgeoisie wird die Macht ihrem Klassenfeind nicht auf dem Silbertablett servieren.“ Dennoch will Allende den Sozialismus, „weil die Völker nicht weiter halblebendig sterben können.“ Er strebt einen Staat an, in dem „die Würde kein Pro-Kopf-Einkommen hat und wo alle das Recht auf Frieden und Arbeit haben.”
Der Regierungschef rechnet mit heftigem Gegenwind, auch mit Gewalt. Von ihm selbst aber soll keine Gewalt ausgehen. Er will den Bürgerkrieg um jeden Preis vermeiden.

Der Umbruch

Im Regierungskabinett der Unidad Popular gelangen erstmals vier Arbeiter in Ministerämter (Finanzen, Städtebau, Wohnungsbau, Arbeit). Allende vollzieht die Verstaatlichung der chilenischen Privatbanken über den Kopf des Kongresses hinweg, indem er die Anteile der Kleinaktionäre aufkauft. Mit ausländischen Banken sucht der „Doktor und Compañero“ den Dialog, der jedoch nicht gelingt. Dafür wird die Nationalisierung der Kupferminen im Kongress einstimmig beschlossen. Monopolisten erhalten, im Gegensatz zu Mittelstands- und Kleinunternehmer, nach der Enteignung keine Entschädigung. Allende begründet das mit dem wirtschaftlichen Schaden, den die Monopolisten bis dato in Chile verursacht hätten. Landesweit entstehen Räte. Der Consejo Nacional Campesino wird eingerichtet, ein Rat mit 35 Mitgliedern, dem die Räte der Provinzen, Departements, Städte, Ortsgruppen und die Betriebsgruppen untergeordnet sind. Obwohl entscheidende Unternehmen wie die Textilfabrik in Concepción verstaatlicht, der Stahl, die Kohle, das Kupfer, das Eisen, der Salpeter und die Banken nationalisiert werden, lässt Allende Privatunternehmen immer noch zu. „Es wird einen staatlichen, einen Misch- und einen Privatsektor geben“, kündigt er an. Die Privatunternehmen müssen sich allerdings in die Planwirtschaft einfügen. Dem Staat steht es frei, die mit Privatleuten erfolgten Abmachungen zu modifizieren, wenn das nationale Interesse ein solches Abkommen erforderlich macht, ohne andere Verpflichtungen, als die Entschädigung des Betroffenen zu haben. Die Leitung der Unternehmen, die enteignet oder kontrolliert werden, liegt bei Arbeiterkomitees. An deren Spitze steht ein vom Staat ernannter Verwalter. Ziel ist nicht mehr das Erwirtschaften von Gewinn. Die Komitees sollen vielmehr die „Befriedigung der gegenwärtigen und künftigen Bedürfnisse des Volkes“ gewährleisten. Die Löhne der Werktätigen werden erhöht, Preise kontrolliert und Lebensmittel wie etwa Brot auf ihre Qualität hin geprüft. Allende nimmt ein umfassendes Wohnungsbau- und Sanierungsprogramm in Angriff. Es werden zwischen 1970 und 1971 mehr als 80.000 Wohnungen (meist Fertighäuser) erstellt, Schwimmbäder gebaut, Straßen planiert, Schulen, Kirchen, Mütterzentren, Nachbarschaftslokale renoviert und landesweit Kindergärten eingerichtet. Zahllose Freiwillige helfen mit. Die Agrarreform beginnt. 1000 Latifundien kommen durch Enteignung in Staatsbesitz. Allende respektiert das Eigentum von Vieh und Landwirtschaftsmaschinen. Kredite werden verbilligt, die an Kleinunternehmer gehen, sowie an Handwerker, Einkaufszentralen, Landarbeiter-Genossenschaften, die Agrarstellen der Bodenreform, die durch Räte betreuten Landarbeiter, an Erbauer billiger und industrialisierter Wohnungen, an Exporteure, an Unternehmer, die bestimmte aufgestellte Kreditlinien befolgen, sowie an Industrielle, die mit dem Wirtschaftsministerium Abkommen zur Entwicklung populärer Verbrauchererzeugnisse abgeschlossen haben. Gesundheitsversorgung und Schulbildung gibt es unter Allende kostenlos. Jedes Kind erhält zudem Schuhe und einen halben Liter kostenloser Milch täglich. Jugendclubs eröffnen, Alphabetisierungskampagnen starten. Die Arbeitslosigkeit sinkt. Ein Staatsverlag wird gegründet (Quimantú).
Allendes Politik führt im ersten Regierungsjahr zu einem Wirtschaftsboom. Bei einer Kommunalwahl gewinnt die Unidad Popular die absolute Mehrheit. Noch während der Boom und die Begeisterung andauern, verlangt Allende viel von seinem Volk: „Alle Probleme, die wir auf politischem, wirtschaftlichen, kulturellem und internationalem Gebiet aufgerollt haben, sind Aufgaben eines Volkes, nicht eines Mannes oder einer Regierung“, sagt er. Auch das Volk trage die Verantwortung, dass der Sozialismus funktioniere. Die Werktätigen Chiles müssten mehr arbeiten, die Studenten mehr lernen. Allende: „Ebenso darf unter den Kupferarbeitern nicht die engstirnige Auffassung herrschen, dass sie, weil sie in einer für das Land vitalen und wesentlichen Industrie arbeiten, mehr Rechte und mehr Vorteile als die übrigen Werktätigen beanspruchen können.“ Der marxistisch-orientierte Freimaurer fordert von jedem Werktätigen, dass er sich weiterbildet, um seinen jeweiligen Beruf auch aus einer volkswirtschaftlichen Perspektive einordnen zu können. Von den „Genossen des Bankwesens“ verlangt Allende etwa, ein „Studium einer speziellen Wohnpolitik unter Berücksichtigung des Volumens an Liegenschaften, die ihre Bankwesen besitzen“ zu absolvieren.
Außenpolitisch versucht der chilenische Präsident, einen Platz in der Welt des realexistierenden Sozialismus zu finden. Er nimmt die diplomatischen Beziehungen zu Kuba und der DDR wieder auf, er knüpft Handelsbeziehungen mit Nordvietnam und Nordkorea. Noch vor Richard Nixon besucht er China, nimmt auch dort diplomatische Beziehungen auf und erhält einen großzügigen Kredit von 180 Millionen Dollar, obwohl Mao Zedong davon überzeugt ist, dass Allende den falschen Weg zum Sozialismus geht. Allende zeigt an allen multinationalen Bündnissen, die ihm offen stehen, Interesse, insbesondere am Anden-Pakt, der OLAS, und auch an der OEA, die Fidel Castro ein „Bordell“ nannte, nachdem Kuba ausgeladen wurde. Allende sucht mit allen einen Dialog. Er sieht ihn als Chance, Chiles Interessen in die Weltöffentlichkeit zu tragen.

Gegenwind und Scheitern

Die massive Einmischung der USA in die Politik anderer Länder ist in den 1970er Jahren wohlbekannt. Auch Allende hat nicht nur die Revolutionsgeschichte Kubas vor Augen. Er weiß ebenso, was beim Sturz von Mohammad Mossadegh im Iran vor sich ging und was Agitatoren wie Kermit Roosevelt anrichteten. Noch bevor Allende sein Amt antritt, ermordet der amerikanische Geheimdienst in Zusammenarbeit mit der chilenischen Rechten und vereinzelten Militärs, die zuvor bestochen worden waren, den Oberbefehlshaber des chilenischen Heeres, General Réne Schneider. Der General hatte Allende Verfassungstreue und politische Neutralität geschworen. In Henry Kissingers Memoiren (1968-1973, S. 694ff.) kann man nachlesen, dass der US-Außenminister massive Einmischung der USA durch Bestechung und Erpressung nicht leugnet und sie durch die Wahrung der „nationalen Sicherheit“ gerechtfertigt sieht. Chiles Kupfer bezeichnet Kissinger als „amerikanisches Eigentum“. Kissinger, der Allende ein ganzes Kapitel widmet, wirft amerikanischen Ministerien und deren Büros vor, versagt zu haben, weil Allende trotz geheimer „Operationen“ des US-Geheimdienstes doch noch ins Präsidentenamt gelangt sei. Nur die Morde (auch an Schneider), die heute der CIA zugerechnet werden können, gibt Kissinger nicht zu. Sie sind aber detailliert in Dokumenten nachgewiesen, die 1998/1999 veröffentlicht wurden. Einen guten Überblick über die Verwicklung der USA in den Chile-Putsch gibt auch der Film von Patricio Guzmán (Chile 2004), in dem der ehemalige US-amerikanische Botschafter, Edward M. Korry, aussagt.
Allende entkommt zwei Attentaten nur durch glückliche Umstände.
Doch die ständig durch die USA und rechte Kräfte wie die Gruppe der „Patria y Libertad“ („Vaterland und Freiheit“) angeheizte konterrevolutionäre Stimmung im Land ist nicht Allendes einziges Problem.
12 000 Chilenen haben seinen Amtsantritt erst gar nicht abgewartet und sind samt Kapital ins Ausland geflüchtet. 17 000 werden ihnen noch folgen. Die Christdemokraten monieren die Enteignung zahlreicher Unternehmen, weil die Verfassung Enteignungen nur im Notfall vorsehe. Dann wird am 8. Juni 1971 auch noch Edmundo Pérez Zujovic ermordet. Die Ermittlungen ergeben, dass Mitglieder einer linken Organisation dahinter stecken. Allendes Draht zu den Christdemokraten bleibt dadurch nachhaltig gestört.
Die Verstaatlichung der Banken ist zwar effektiv, der größte Teil der Investitionen kann gesteuert werden, doch das Hauptziel, die Kapitalflucht aufzuhalten und die Kreditvergabe zu kontrollieren, wird nicht erreicht. Durch den Druck der USA beschlagnahmen mehrere Länder chilenisches Kupfer in internationalen Häfen mit der Begründung, der Rohstoff sei Eigentum US-amerikanischer Konzerne (s.o.). Der Export stockt, der Kupferpreis fällt. Auch der Kreditfluss aus dem Ausland und der Rohstoffimport wird durch Washington blockiert (Wirtschaftsembargo). Die verstaatlichten chilenischen Banken drängen die Industriellen mit Inaussichtstellung von Krediten dennoch dazu, Lohnerhöhungen zuzustimmen. Das merken sich insbesondere die Großunternehmer und wickeln ihre Geschäfte über illegale Kanäle ab. „Bestimmte Unternehmergruppen versuchen, den Erfolg unserer Maßnahmen durch offene oder heimlich Lähmung der Produktion zu verhindern“, weiß Allende. Die Kapitalflucht geht weiter. Das ist der Startschuss für eine neue, galoppierende Inflation.
Allende gibt zu, dass es zuviel Bürokratismus und Desorganisation gibt. Er spricht von „bürokratischer Verknöcherung“.
Die Übernahme von Betrieben klappt mancherorts gut, anderswo überhaupt nicht. Entweder sind die Arbeiter mit den Entscheidungen über Investitionen, Planung und Produktion überfordert oder sie wollen mehr Mitspracherecht, mehr Teilnahme an den administrativen Ausschüssen, weniger Regierungsvertreter, die von oben herab bestimmen. Ein typischer Fall ist die „Fabrica de Celofanes Said“. Deren Arbeiter sind der Meinung, dass deren Besitzer die Produktion sabotieren, und sie machen weiter mit ihrer Besetzung, ohne zu berücksichtigen, dass Allende selbst ein Abkommen mit den Besitzern getroffen hat: Das Eigentum der Arbeiter an der Fabrik wird längst respektiert und im Gegenzug die Banco del Trabajo (vom selben Eigentümer) verstaatlicht. Allende muss noch so einige Fabriken an die alten Besitzer zurückgeben, die überhastet besetzt werden. Und die meisten staatlichen Betriebe arbeiten mit Verlusten.
Der Jet-Set der Bauernschaft will seine Privilegien nicht mit den Gelegenheitsarbeitern teilen. Er hängt an Freis Modell: Kooperative über drei Jahre, danach Übergang in das Privateigentum. Was dazu führt, dass die, die leer ausgehen, sich weiterhin illegal Land aneignen. Zwischenzeitlich muss Allende dem Druck nachgeben und treibt die Enteignung der besetzten Ländereien voran, was wiederum den Christdemokraten missfällt. Allendes Unterstützung im Kongress schrumpft immer weiter.
Obendrein fordern weitere, bisher unterdrückte Schichten ihre Rechte ein: Die Pobladores, die Bewohner selbsterrichteter Armenviertel (Campamentos), wollen endlich ein Dach über dem Kopf. Sie wollen in eigene Häuser ziehen und nicht, wie Allende plant, in mehrstöckige Sozialbauten. Die Pobladores stürmen Krankenhäuser und Verwaltungsbüros, was die Polizei auf den Plan ruft, die wiederum nicht gerade zimperlich vorgeht, als Durchsuchungen nach Diebesgut in den Armenvierteln anstehen. Die Atmosphäre heizt sich auf. Bei einer Schießerei 1972 zwischen der Polizei und den Pobladores stirbt ein Aktivist, es gibt mehrere Verletzte. Von nun an bezichtigt die Linke den Regierungschef der „Repression“. Allende sitzt zwischen allen Stühlen. Das Problem wird noch schlimmer, als Arbeiter fertiggestellte Häuser besetzen, die anderen Arbeitern gehören. Allende schickt Polizeieinheiten, die die Häuser wieder räumen: „Wir können die Konfrontation zwischen Mitgliedern derselben Klasse nicht hinnehmen. Das ist Anarchie“, erklärt er. Schließlich sieht Allende sich aufgrund der wirtschaftlichen Lage gezwungen, die Preise wieder freizugeben.
Das alles stärkt die Rechte. Sie gewinnt in Staatsaufsichtsbehörden und der Justiz Wählerstimmen hinzu, während die „Patria y Libertad“ Teile der Armee und ihre Angehörigen umwirbt. „Vaterland und Freiheit“ forciert den Terror, zerstört Öl-Pipelines, Straßen und Eisenbahnschienen, um das Land ins Chaos zu stürzen. Derweil unterstützen die verbliebenen Großgrundbesitzer den Waffenhandel, der über Argentinien abgewickelt wird. Die übrig gebliebenen Latifundienbesitzer in Cautin sind bewaffnet und provozieren gewalttätige Zusammenstöße mit den Bearbeitern des Bodens. Die ersten Putschpläne entstehen.
Die Unidad Popular fungiert nicht mehr als eine Einheit. Mal können die Kommunisten Allende nicht folgen, weil sie sich lieber an Doktrinen halten, mal können es die Sozialisten nicht, weil sie Besetzungen von Fabriken durch Arbeiter unterstützen.
Zu allem Übel erhält Allende von den sozialistischen Ländern in der Welt nur wenig Unterstützung. Sie gewähren Chile zwar Rohstoffe und Lebensmittel (allein 40 Tausend Tonnen Zucker kommen aus Kuba), die erhofften Kredite fließen jedoch weniger üppig als benötigt. Die UdSSR hat schon 80 Millionen Dollar für die chilenische Sache bereitgestellt- achter Platz auf ihrer Prioritätenliste. Allende erhält schließlich noch 20 Millionen mehr, ist jedoch weit entfernt von den anvisierten 700 Millionen.
Da Waren teurer und knapper werden, die Inflation, aber nicht die Löhne steigen, kommt es zu Streiks. Schon bald schließen sich Ärzte, Rechtsanwälte und Bankangestellte den Protesten an. Der Schwarzmarkt blüht. Der hauptsächliche Vorwurf an die Regierung ist die Mangelversorgung, die ihr allein zu Lasten gelegt wird. Dabei vergeht kein Tag, an dem keine heimlichen Lagerräume mit Tonnen von Nahrungsmitteln und anderen vom Markt verschwundenen Gütern gefunden werden. Die mittleren und kleinen Unternehmer, auf die Allende so setzt, machen dabei mit, aus dem Versorgungsmangel ein Spekulationsgeschäft und eine Form des politischen Kampfes gegen die Regierung der Unidad Popular werden zu lassen.
Allende bindet das Militär im November 1972 durch die Ernennung von General Carlos Prats zum Innenminister in seine Regierung ein. Er erhofft sich dadurch Stabilität, da das Militär in der chilenischen Bevölkerung hohes Ansehen genießt. 1973 stellt er sich noch einmal zur Wahl. Allende erhält 43,4 Prozent der Stimmen, mehr als je zuvor. Das Wahlergebnis kann aber über die voranschreitende Spaltung der Nation nicht hinwegtäuschen.
Streiks der Bergarbeiter, der Arbeiter in den Kupferminen und der Lastwagenfahrer, die von den USA finanziell unterstützt werden, legen das Land lahm. Die Opposition klagt vor dem Verfassungsgericht gegen die Regierung und lehnt die Verhängung des Ausnahmezustands ab. Kommunale Kommandos, die Betriebsaussperrungen der Arbeitgeber entgegentreten, halten die Produktion auf Überlebensniveau. Sie beschützen die nicht-streikenden Betriebe, die geöffneten Geschäfte sowie Busse, die durch Bomben der Patria y Libertad bedroht werden. Sie öffnen auch selbst Märkte und Lebensmittelgeschäfte und suchen Ärzte, die Kranke behandeln. Auf den Straßen bekämpfen sich Gegner und Unterstützer Allendes. Der Putsch naht. Allende spürt das und kündigt eine Volksabstimmung über seine Politik an. Dazu kommt es nicht mehr.

Literaturnachweis:
  1. Régis Debray/Salvador Allende: „Der chilenische Weg“, Sammlung Luchterhand, Juni 1972
  2. Salvador Allende: „Chiles Weg zum Sozialismus“, Peter Hammer Verlag, 1972
  3. „Die Schlacht um  Chile“, Laika Verlag (1.Aufl.), 2011
  4. „MIR – Die Revolutionäre Linke Chiles“, Laika Verlag (1.Aufl.), 2011
  5. „Salvador Allende und die Unidad Popular“, Laika Verlag, 2013
  6. „Diktatur und Widerstand in Chile“, Laika Verlag 2013
  7. Fernando Diego García, Oscar Sola, Alejandra Rojas: “Salvador Allende – Das Ende einer Ära”, mit einem Vorwort von Isabel Allende, Aufbau-Verlag (1.Aufl.), 1998
  8. Daniel Kretschmer: „Das Scheitern der Unidad Popular in Chile“, GRIN Verlag, 2007

 

Eine Bewertung der Regierungszeit Allendes befindet sich hier.

 

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